Plakat-Asyl4

„Dreikönigspreis“ für „JACK“

Berliner Bildungsstätte für Migrantinnen und Flüchtlinge ausgezeichnet

Wer hat den Preis verliehen?
Die Mitglieder des Diözesanrats der Katholiken, die Vertretung der katholischen Laien im Erzbistum Berlin. Überreicht hat den Preis der Diözesanratsvorsitzende Bernd Streich am Ende des Gottesdienstes zum Neujahrsempfang der Berliner Katholischen Kirche am 13. Januar in der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin-Mitte.

Der Diözesanratsvorsitzende Bernd Streich überrreicht die Urkunde zum „Dreikönigspreis“ an die Leiterin der Bildungsstätte „JACK“ Daniela Dachrodt. Mit dabei ist Susanne Eikenberg (rechts)vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst, einem der Kooperationspartner von „JACK“. Foto: Walter Wetzler.

Wofür steht der „Dreikönigspreis“?
Mit dem Preis werden jährlich, nahe dem Fest der Heiligen Drei Könige, Initiativen ausgezeichnet, die das Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und Religionen fördern.

Wer ist „JACK“?
Eine Neuköllner Bildungsstätte, die Migrantinnen und Geflüchtete unterrichtet. Rund 100 Frauen aus 27 Ländern besuchen derzeit bei „JACK“ Alphabetisierungs-, Deutsch- und Computerkurse. Es sind meist besonders schutzbedürftige Frauen ohne sicheren Aufenthaltsstatus, die anderweitig kaum Zugang zu Bildung haben. Sechs Dozenten und viele ehrenamtliche Partner bieten den Frauen Chancen, Beratung und Gemeinschaft. Es gibt Koch- und Nähgruppen, Tanz, Sport, Kinderbetreuung während der Kurse und viele alltagspraktische Tipps für das Leben in Deutschland.

Wofür wird die Bildungsstätte ausgezeichnet?
Mit dem Preis für Integration hebt der Diözesanrat „das Engagement aller an diesem Projekt Beteiligten, ermutigt zur Fortführung sowie zum weiteren Ausbau der Bildungsstätte“. Das sagte der Diözesanratsvorsitzende Bernd Streich bei der Verleihung.

Das Besondere an „JACK“?
„Neben Bildung bietet JACK den Frauen die notwendige emotionale Stabilität in ihren schwierigen Lebenssituation. Hier haben sie einen Ort zum Austausch, sind beschäftigt und bauen sich eine Basis fürs Leben auf“, berichtet die Leiterin der Bildungsstätte, Daniela Dachrodt.

„Jack ist ein gutes Beispiel für Vernetzung“, sagt der Pfarrer von St. Christophorus, Pallottiner-Pater Kalle Lenz. Denn „JACK“ ist Teil des Trägervereins Pallotti-Mobil. Kooperationspartner sind unter anderem die Beratungsstelle „SOLWODI“, der Jesuiten-Flüchtlingsdienst, die Kirchengemeinden von Nord-Neukölln und das „Internationale Pastorale Zentrum“ in Neukölln. Unterstützung kommt seit 2015 auch vom überregionalen „Bonifatiuswerk der Katholiken“.

 „JACK“s sagen:
„Wir freuen sehr über den Preis“, betont Daniela Dachrodt. „Es zeigt uns, wie wichtig unsere Arbeit ist und dass sie wertgeschätzt wird! Der Preis macht uns im Team Mut.“ Das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld von 1700 Euro ist hochwillkommen. „JACK“ ist auf Spenden angewiesen.

Eine Schülerin sagt: „Bei JACK bin ich einfach zuhause. Ich  lerne Deutsch, ich treffe Freunde, meine Kinder kriegen Betreuung. Wir bedanken uns bei JACK für die Mühe.“ Und eine weitere Teilnehmerin: „Mir gefällt diese Schule und ich lerne gut. Meine Lehrerin ist gut. Jeder hier ist freundlich.“

Wie ist „JACK“ entstanden?
Mitglieder der Berliner Pallottinischen Gemeinschaft und Schwestern der Comboni-Ordensgemeinschaft hatten 2012 die Vision, Frauen während der langen und belastenden Zeit der Asylverfahren eine Chance zur Weiterentwicklung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten zu geben. Kurz darauf gelang der Start, insbesondere mit Hilfe einer Berlinerin, die ihr Erbe stiftete. Der Name „JACK“ geht auf ihren verstorbenen Sohn zurück.

Was können Sie tun?
Unterstützen Sie „JACK“! Auf www.jack-berlin.org finden Sie Informationen über die aktuell gebrauchten Hilfen und die Möglichkeit, zu spenden!

Ec/pallotti-mobil

 

 

„Menschen, die Wohl wollen“

Am 11. Oktober trafen sich Mitglieder und Gäste des ReuterForum bei einem Informationsabend zum Thema „Geflüchtete im Reuterkiez“ im Gemeindesaal von St. Christophorus. Dabei stellten Mitglieder des „Forum Asyl mit St. Christophorus“ ihre Aktivitäten vor.

Das unabhängige Bürgerforum ReuterForum besteht seit April 2016, hervorgegangen aus dem Quartiersrat. Hier treffen sich Anwohner und Akteure des Kiez rund um den Reuterplatz. Ziel ist Information, Vernetzung und Abbildung der Vielfalt im Kiez, sowie die Vertretung der Bürger gegenüber Politik und Verwaltung. Es gibt einen Blog, Newsletter, gemeinsame Aktionen und regelmäßige Veranstaltungen.[dropdown_box show_more=“Weiterlesen“ show_less=“Text einklappen“ start=“hide“]

Engagement und Angebote der Kirchengemeinde St. Christophorus stellte ein zu Beginn gezeigter Kurzfilm vor. „Kirchenasyl ist kein Verstecken der Betroffenen, sondern ein „Neu Verhandeln“. Rechtliche, humanitäre und soziale Fragen würden neu geprüft, sagte Peter Becker vom Vorstand Forum Asyl im Film. Nach der Vorführung ging es zunächst um Fakten, hier zusammengefasst:

Eine Kirche oder Glaubensgemeinschaft kann in ihren Gebäuden – nicht zwingend im Kirchenraum selbst – einem Asylsuchenden Schutz bieten. Ziel ist die Abschiebung oder die Rückschiebung des Geflüchteten innerhalb Europas zu verhindern, wenn Gefahr an Leib und Leben besteht. Nach der Dublin III Verordnung aus dem Jahr 2013 verlängert sich die Frist, ehe der Asylsuchende in Deutschland einen Asylantrag stellen kann, um 18 Monate.

Vor der Aufnahme in ein Kirchenasyl wird juristisch geprüft, ob es eine Perspektive für die Verhandlungen gibt. Dann beschließen die Gremien die Aufnahme. Da ein Asylsuchender als untergetaucht gilt, wenn er nicht gemeldet ist, werden das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie das Katholische Büro informiert.

In St. Christophorus besteht in Sachen Aufnahme eine besondere Situation: Die Gremien der Gemeinde haben sich vor vielen Jahren grundsätzlich für das Kirchenasyl entschieden und konkrete Aufnahmen an das Forum delegiert. Die Gemeinde ist Mitglied im Ökumenischen Verein Asyl in der Kirche. Eine Anfrage erfolge heute nach Antrag und Prüfung durch eine Beratungsstelle beziehungsweise nach einem Hilfeersuchen von einem der Akteure aus dem Netzwerk. Kirchenasyl ist Hilfe im Einzelfall und wirklich „ultima ratio“.

Der Name „Forum Asyl mit St. Christophorus“ kam zustande, weil sich von Anfang an auch Menschen im Forum engagierten, die nicht zur Gemeinde gehörten. „Kirchenasyl ist nur möglich“, sagt Michael Haas, „weil ein Unterstützerkreis vorhanden ist, der die Aufgabe gemeinsam trägt“.  Benötigt werden zudem ehrenamtlich beratende Ärzte, Anwälte sowie professionelle Unterstützer, wie etwa das Büro für medizinische Flüchtlingshilfe oder der Verein Asyl in der Kirche. Denn ein Kirchenasyl kann Monate dauern. Spenden werden benötigt, denn der Betroffene erhalte keine finanziellen Leistungen und keine Krankenversicherung mehr.  Als Idee für den Eingang von Spenden entstand der Kleinkunstabend, erzählt Monika Binek. Der Abend sollte ursprünglich nur ein bis zweimal stattfinden und dann wurde er so beliebt, dass er zur Institution geworden ist.

Etwa 15 Menschen waren bisher hier im Kirchenasyl. Yakob Mekowanent betont die wertvolle Vernetzung mit diversen Gruppen wie dem Beratungs- und Behandlungszentrum Xenion, dessen Mitarbeiter psychosoziale Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer bieten, sowie der Berliner Beratungsstelle von Solwodi für Frauen in Not. Dann bestehen weitere Netzwerke: mit der Caritas, den Maltesern, der Bildungsstätte Jack und Pallotti-Mobil.

Im Forum Asyl sind etwa zehn bis zwölf aktive Mitglieder, das Forum ist konfessionsunabhängig, berichtet Yakob Mekowanent. „Es sind Menschen, die ,Wohl wollen‘ und an das Leben glauben“. Mit ihren unterschiedlichen Berufen machen sie das Engagement lebendig und bringen verschiedene Talente ein. „So wird die Last nicht nur von einer Person getragen“, sagt Yakob.

Von einem der jüngsten Asylfälle, einem Paar aus Somalia, berichtet Forumsmitglied Sabine Wagenfeld. 2014 gab es eine Anfrage von der Caritas in Königs Wusterhausen, das Paar aufzunehmen. Sie hatten lange Irrwege hinter sich, in Somalia, Libyen, die Frau war krank und traumatisiert, in Italien hatten sie gehungert und auf der Straße gelebt. Sie konnten inzwischen ihren Asylantrag stellen, aber es gab noch keine erste Anhörung. Lucia Jay von Seldeneck hat zusammen mit der Regisseurin Nicole Oder aus der Geschichte der beiden das Theaterstück „Ultima Ratio“ entwickelt, das derzeit wieder im Heimathafen Neukölln zu sehen ist.                                                             Text: Evelyn Christel & Lissy Eichert[/dropdown_box]

 

Kirchenasyl ist heute die vorübergehende Aufnahme von geflüchteten Menschen

als „Ultima Ratio“, die letzte mögliche Lösung oder das letzte mögliche Mittel – jenseits der Möglichkeiten. Asyl am heiligen Ort ist ein Schutz für Menschen, denen Gefahr an Leib und Leben im Falle einer Abschiebung.

Kirchenasyl sucht erneut das Gespräch mit den Behörden und eine Lösung im Einzelfall. In regelmäßigen Treffen trifft sich das Forum Asyl mit Sankt Christophorus um konkrete Unterstützungsmaßnahmen für unsere Gäste zu besprechen: Wir verbringen gemeinsame Zeit, entwickeln Lebensperspektiven, sprechen Mut und Hoffnung in hoffnungslosen Phasen zu. Gleichzeitig halten wir die Spannung aus, dass wir keine Versprechen machen dürfen, dass Kirchenasyl keine Erfolgsaussicht garantiert. Das ist die besondere Sensibilität, die auch persönliche Kraft braucht und Grenzen ziehen beinhaltet.[dropdown_box show_more=“Weiterlesen“ show_less=“Text einklappen“ start=“hide“]

Zur praktischen Arbeit im Forum:
Wir bemühen uns um Gestaltung des Alltags, um Lebensfreude. Wir kochen zusammen, geben Deutschunterricht, begleiten zur Sprachschule,  zum Arzt oder zu einem Spaziergang. Wir unterstützen bei der Suche nach anwaltlicher Hilfe und therapeutischer Begleitung. Das Engagement des Forums ist vernetzt im Ökumenischen Verein Asyl in der Kirche e.V.; die Caritas und das Erzbistum Berlin, konkret mit dem Netzwerkkoordinator der Flüchtlingshilfe und dem Katholischen Büro. In der konkreten Arbeit ergeben sich viele Kooperationen und vielfältige Unterstützungen für geflüchtete Menschen in ihren je unterschiedlichen Lebenslagen und Bedürfnissen. Immer wieder erleben wir unkomplizierte Hilfsangebote vor Ort. Gute Kontakte bestehen auch zum Heimathafen Neukölln, zu kirchlichen Orten in Nord-Neukölln, u.a.  einer Schule in Katholischer Trägerschaft, die sich solidarisch ebenfalls als Schutzraum bereit erklärt. Sie hat dadurch schon Geflüchteten geholfen hat, einen Schulabschluss zu machen.

Wir bieten Rückhalt und Austausch in einer engagierten Gruppe
und die Möglichkeit, sich mit seinen individuellen Begabungen und Möglichkeiten ein zubringen. Im gemeindlichen geschützten Umfeld finden unsere Gäste „Support“, also Unterstützung, eigene Kompetenzen einzusetzen. Viele wollen sich mit Arbeit einbringen und neuen Lebensmut ausdrücken.

Aktuell versuchen wir
eine Kooperation mit der Malteser-Unterkunft im ehemaligen C&A Haus in der Karl-Marx-Straße. Dort lebende Geflüchtete könnten in den Projekten von Pallotti-Mobil e.V. mitarbeiten.

Wir freuen uns über engagierte, geduldige Mithelfer*innen,
die offen und herzlich sind. Schön ist es dabei, wenn jemand  gerne Inhalte vermittelt und Freude daran hat, Brücken bauen . Nehmen Sie / Nehmt Kontakt auf! Lissy Eichert, Nieves Kuhlmann, Peter Becker (Vorstand Forum Asyl)

„Am Ende wird alles gut. Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende!“

Dieser Text auf einer Spruchkarte sagt viel über die Beharrlichkeit aus, die es braucht, den einzelnen Fall und das einzelne Schicksal nicht aufzugeben.  Unsere eigentliche Hoffnung aber drückt der Apostel Paulus in einem Brief an die Römer aus:

„Seid fröhlich in der Hoffnung, beharrlich in der Bedrängnis, geduldig im Gebet!“ (Röm 12,12)[/dropdown_box]

 

 +++Archiv+++

Kuchen essen für einen guten Zweck

Forum Asyl erhält Spende von Werkstätten für Menschen mit Behinderungen

Mitarbeiter der Kaspar Hauser Stiftung und der Delphin Werkstätten überreichten am 12. Juli eine Spende von 403 Euro und 5 Cent für die Arbeit des Vereins Forum Asyl. Das Geld war beim Kuchenverkauf eines gemeinsamen Aktionstages der Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen zusammengekommen. „Es sei klar gewesen, dass die Spende, passend zum Motto des Aktionstages an ein Flüchtlingsprojekt geht“, sagte Birgit Böhm von der Kaspar Hauser Stiftung. Sie habe Forum Asyl vorgeschlagen, „weil dort Menschen Unterstützung bekommen, die von keiner anderen Seite unterstützt werden“.
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„Wir freuen uns sehr“, sagt Nieves Kuhlmann, die das Geld für den Verein entgegennahm. „Wir finden es toll, wenn sich Projekte vernetzen und an der guten Sache arbeiten.“

Die Besucher erfuhren mehr über die Arbeit von Forum Asyl. Nicht nur bei Asylfällen sondern auch in anderen akuten Notsituationen helfen die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Forums. Zwischenzeitlich lebt ein schwer an Krebs erkrankter Mann, geflüchtet aus Syrien, in der Asylwohnung. Er ist besonders schutzbedürftig, so dass der Aufenthalt in einer Turnhalle für den Erkrankten nicht zumutbar ist. Das Klinikum der Charité hatte sich mit der Bitte um Unterstützung an das Forum gewendet. Housam J. größter Wunsch ist die Zusammenführung seiner Familie, die derzeit von Griechenland aus einen Asylantrag gestellt hat.

Marcel Hesse, Mitglied des Werkstattrates, der anthroposophisch orientierten Berliner Kaspar Hauser Stiftung, erzählte vom alle zwei Jahre stattfindenden Aktionstag, an dem in diesem Jahr auch Schüler einer Willkommensklasse teilnahmen. Tjark Meyer, stellvertretender Vorsitzender des Werkstattrates der Delphin Werkstätten in Berlin-Pankow, in Trägerschaft des Sozialdienst Katholischer Frauen, berichtete von den Aufgaben eines Werkstattrates. Der Werkstattrat ist eine gewählte Vertretung der Werkstattbeschäftigten, die deren Interessen vertritt. Wünsche und Probleme werden durch ihn an die Werkstattleitung herantragen, und es wird gemeinsam nach Lösungen gesucht. Die Werkstatträte beider Einrichtungen arbeiten bei vielen Problemen auch zusammen. Beispielsweise  wird seit Jahren gemeinsam versucht, den Bau einer dringend benötigten Ampelanlage am gemeinsamen Standort in Pankow Buchholz durchzusetzen. scec

Die Arbeit des Forum Asyl können auch Sie mit einer Spende unterstützen:

Berliner Volksbank:
IBAN: DE90  1009 0000 5811 2260 27, BIC: BEVODEBB
Verwendungszweck: Forum Asyl mit St. Christophorus

 

Eröffnungsgottesdienst der Interkulturellen Woche 2015

„Vielfalt. Das beste gegen Einfalt.“ Hier ein paar Impressionen vom ökumenischen Eröffnungsgottesdienst der Interkulturellen Woche 2015 in der ev. St. Simeonkirche in Berlin-Kreuzberg.

 

Van Binh Tran – Das gute Ende eines wahrlich ÖKUMENISCHEN Kirchenasylfalles

von Peter Becker
Binh_KirchenzeitungNach über 5 Jahren ist es endlich geschafft:
Van Binh Tran erhielt vor wenigen Tagen durch die Berliner Ausländerbehörde eine Aufenthaltserlaubnis bis zum Juni 2017, also für 3 Jahre – und ist damit auch aus- länderrechtlich in Berlin „angekommen“.

Für alle die, die in den vergangenen Jahren mit dem „Fall Binh“ zu tun hatten, hier noch einmal die Zusammenfassung der schicksalhaften Geschichte dieses jungen Mannes.
Binh kam im Februar 1994, im Alter von knapp 3 Jahren, mit seiner Mutter nach Deutschland. Zwar gab es in Berlin Verwandte der Mutter, aber nachdem ein Asylantrag gestellt wurde, erfolgte die sog. „Umverteilung“ nach Sachsen.[dropdown_box show_more=“Weiterlesen“ show_less=“Text einklappen“ start=“hide“]
Binh wuchs unter recht schwierigen Bedingungen in einem Asylbewerberheim außerhalb von Aue im Erzgebirgskreis auf, wurde 1997 eingeschult und wechselte 2001 in die 5. Klasse der Mittelschule in Aue. Durch den Umzug der Familie kam es in der Folgezeit zu mehreren Schulwechseln und Binh schaffte es nicht einen Schulabschluss zu erreichen.
In der Zwischenzeit hatte sich auch die familiäre Situation geändert. Binhs Mutter bekam ein 2. Kind und der Lebensgefährte der Mutter wurde aus Deutschland ausgewiesen.

Schon als Kind war Binh in der Schule und auch in der Freizeit sehr häufig als „Fidschi“ oder als „Reisfresser“ beschimpft und schikaniert worden. So schloss er sich als Jugendlicher einer Gruppe an, die sich bei Auseinandersetzungen mit rechten, deutschen Jugendlichen nichts gefallen ließ. In diesem Zusammenhang kam es zu einem Verfahren, dass für die Gruppe der ausländischen Jugendlichen – also auch für Binh – zu einer Freiheitsstrafe führte, die allerdings zur Bewährung ausgesetzt wurde.
Trotz einer ausdrücklich positiven Sozialprognose durch das Amtsgericht in Aue, sollte Binh kurz darauf – mit Erreichen der Volljährigkeit, im April 2009 war er 18 Jahre alt geworden – nach Vietnam abgeschoben werden.

Es gab einige Menschen, die nicht verstehen wollten, warum ein junger Mann nach 15 Jahren in Deutschland, in ein Land abgeschoben werden sollte, das er als kleines Kind verließ. Hier – in Deutschland – waren seine Mutter und sein Bruder, die inzwischen einen Aufenthalt erhalten hatten und nach Berlin umgezogen waren.
Man empfahl Binh ins Kirchenasyl zu gehen und es fand sich auch eine evangelische Gemeinde in Freiberg / Sachsen, die ihn aufnahm und ihm Schutz gewährte.

Alle Bemühungen für Binh eine juristische Perspektive in Sachsen zu erreichen waren vergeblich und auch der Kontakt zur Härtefallkommission blieb erfolglos.
So kam Binh über Kontakte der ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl (BAG) nach Berlin und wurde hier vom Verein „Asyl in der Kirche Berlin“ weiterbetreut. Hier fand er zunächst eine Unterkunft im Gebiet der evangelischen Gemeinde Heilig Kreuz/Passion. Als dort Umbaumaßnahmen stattfanden, musste für Binh eine neue Unterkunft gefunden werden und so übernahm im Herbst 2010 das „Forum Asyl mit St. Christophorus“ die Betreuung von Binh und die katholische Gemeinde St. Christophorus in Neukölln wurde die amtliche Meldeadresse für ihn.
Da kurze Zeit darauf 2 Polizeibeamte dort nachfragten, ob es richtig sei, dass sich Binh jetzt hier im Kirchenasyl befinden würde, beschloss das „Forum“, eine neue Unterkunft für ihn zu suchen. Dies führte dazu, dass Binh in den folgenden Jahren in verschiedenen katholischen und evangelischen Gemeinden in Neukölln untergebracht wurde, also ein wahrlich ökumenischer Kirchenasylfall.

Durch Binhs Rechtsanwältin in Berlin, Frau Böhlo, war es in der Zwischenzeit gelungen, das juristische Verfahren vor dem Verwaltungsgericht (VG) in Chemnitz wieder aufzunehmen und es gab auch eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Sachsen, das Binh eigentlich als „faktischer Inländer“ anzusehen sei.
Bei der Zurückverweisung des Falles an das VG in Chemnitz wurde leider der Verwaltungsrichter zuständig, der in Binhs Verfahren zuvor negativ entschieden hatte. Offenbar hatte dieser Richter sehr „viel zu tun“, denn auch mehrfache Nachfragen der Rechtsanwältin führten zu keiner neuen Entscheidung.

Seit dem Frühjahr 2011 besuchte Binh eine konfessionelle Oberschule und erhielt dort – zum Ende des Schuljahres 2012 – einen Hauptschulabschluss.
Ein im Auftrag seiner Rechtsanwältin erfolgtes psychologisches Gutachten bei XENION und auch eine weitere therapeutische Begleitung mit intensiven stützenden Gesprächen halfen Binh sicherlich seine traumatischen Erfahrungen in dieser Zeit teilweise zu verarbeiten. Trotzdem war es für ihn schwer zu verstehen, warum es in seinem Verfahren nicht weiter ging. Dies belastete natürlich seine Psyche enorm und führte immer wieder zu depressivem Verhalten.

Im Sommer 2012 wurde der Berliner Weihbischof, Dr. Heinrich, vom „Forum Asyl“ in Binhs Fall um Hilfe gebeten. Er schrieb einen Brief an den Präsidenten des VG in Chemnitz und fragte an, ob es nicht möglich wäre, das Verfahren voran zu bringen.
Als es auch nach Monaten keine Antwort gab, schrieb der Weihbischof erneut und nun kam plötzlich Bewegung in den Fall. Ein Vertretungsrichter am VG Chemnitz – der zuständige Richter war wohl krank – setzte der Ausländerbehörde in Aue eine Frist von 4 Wochen, um eine ausländerrechtliche Entscheidung im Fall Van Binh Tran zu treffen. Binh würde sonst durch Gerichtsbeschluss eine Duldung bis zum Abschuss des VG-Verfahrens erhalten.
So kam es dazu, das Binh am 6. Dezember 2012 – als Nikolausgeschenk – eine Duldung erhielt und nach über 3 ½ Jahren endlich wieder gültige Papiere hatte.

Auf Antrag der Rechtsanwältin wurde Binh außerdem gestattet, sich in Berlin aufzuhalten. In der Folgezeit musste Binh mehrmals nach Sachsen fahren, da seine Duldung nach den ersten sechs Monaten jeweils nur noch für weitere drei Monate verlängert wurde.
Die Ausländerbehörde in Aue veranlasste – wohl zur weiteren Verunsicherung Binhs – im Sommer 2013 eine amtsärztliche Untersuchung im Erzgebirgskreis, bei der die Reisefähigkeit von Binh festgestellt werden sollte.
Glücklicherweise war der Amtsarzt in der Kreisstadt Annaberg – Buchholz ein sehr wohlwollender Mann, der wenig Verständnis für die Anordnung der Ausländerbehörde hatte. Seine Stellungnahme war scheinbar sehr überzeugend, denn im Dezember 2013 erhielt Binh die Nachricht, dass er nun endlich einen Aufenthalt aus humanitären Gründen, nach § 25,5 AufenthG erhalten würde. Der Aufenthalt galt für 6 Monate und es wurde ihm gestattet, seinen künftigen Wohnsitz in Berlin zu nehmen.
Natürlich waren alle, die Binh in dieser Zeit unterstützt und begleitet hatten sehr glücklich, dass dieser Fall nach so langer Zeit der Ungewissheit ein positives Ende gefunden hatte.

Aber der Erfolg war noch nicht endgültig. Binhs Unterhalt war noch nicht geklärt und so musste ein Antrag auf Sozialhilfe nach dem Asylbewerberleistungsgesetz gestellt werden. Außerdem musste der Aufenthalt im Mai 2014 von der Berliner Ausländerbehörde verlängert werden.
Auch hier war das Glück endlich einmal auf Binhs Seite und er hatte einen Termin bei einem sehr netten Sachbearbeiter. Die Ausländerakte von Binh war rechtzeitig von Sachsen nach Berlin gesandt worden, aber mit fünf Bänden sehr umfangreich.
Der Sachbearbeiter schien die Entscheidungen in Sachsen recht merkwürdig zu finden und wunderte sich ebenso über die Erteilung eines Aufenthaltes von nur 6 Monaten. Auch war er der Meinung, die Behörden in Sachsen hätten die Berliner Ausländerbehörde erst darüber informieren müssen, bevor sie Binh die Erlaubnis erteilen, seinen Wohnsitz in Berlin zu nehmen.
Grundsätzlich beurteilte er einen weiteren Aufenthalt von Binh aber positiv, nur wollte er keine Entscheidung treffen, bevor nicht ein Vorgesetzter diesen Fall genauer überprüft hätte. Binh erhielt also eine Fiktionsbescheinigung für 6 Monate. Darin wird bescheinigt, dass der Aufenthalt weiterbesteht, die Ausländerbehörde aber noch eine Zeit der Überprüfung benötigt, bis der Aufenthalt verlängert wird.
Wieder warten, wieder Unsicherheit für Binh? Gott sei Dank nur für ein paar Wochen. Dann bekam Binh einen neuen Vorsprachetermin bei der Ausländerbehörde und eine nette Sachbearbeiterin erteilte ihm einen Aufenthalt FÜR DREI (3) JAHRE.
Vorsichtige Nachfrage: „… und die Lebensunterhaltssicherung?“ – Antwort: „Na das wird dann bei der nächsten Verlängerung in 3 Jahren überprüft.“

Binh hat sogar noch die Wahl, ob er den Aufenthalt in seinen Pass geklebt bekommt, also gleich mitnehmen kann oder auf die Anfertigung einer Chipkarte warten möchte. (Früher wurde der Aufenthalt immer in den Pass geklebt, aber seit 2 Jahren gibt es die Chipkarte.)
Binh entscheidet sich für den Pass, denn er möchte seinen Aufenthalt gleich mitnehmen.
Er möchte nach diesen langen Jahren der Unsicherheit „endlich einmal nach vorne schauen“, möchte „sein Leben neu ordnen“ und er hat vielleicht auch schon damit begonnen. Seit einigen Wochen arbeitet er im Restaurant „Reis und Nudeln“ in der Skalitzerstr. 105, direkt am Görlitzer U-Bahnhof.

Ein wahrlich ökumenischer Kirchenasylfall ist zu einem guten Ende gekommen und es bleibt die Hoffnung, dass Binh jetzt seinen Weg geht, vielleicht noch eine Ausbildung macht,
aber endlich weiß, dass Deutschland, dass Berlin seine Heimat ist.[/dropdown_box]

 

Internationaler Tag des Flüchtlings

Die Kirchengemeinde St. Christophorus und Asyl in der Kirche Berlin e.V. luden am Freitag, den 20. Juni zu einem Ökumenischen Gottesdienst mit anschließendem Empfang.  Es predigte Kardinal Woelki.
Von l.n.r.: Meko­wa­nent Yakob Michael; Bernhard Fricke, Vorsitzender von Asyl in der Kirche e.V.; Lampedusa Flüchtlinge, derzeit wohnhaft in Räumen der Caritas in der Residenzstr.; Prediger Rainer Maria Kardinal Woelki und Lissy Eichert UAC, Forum Asyl mit St. Christophorus

Foto (c) Uta Kessler