Wann:
14. Juli 2017 um 19:30 – 22:00
2017-07-14T19:30:00+02:00
2017-07-14T22:00:00+02:00
Wo:
St. Christophorus
Nansenstraße 4
12047 Berlin
Deutschland
Preis:
kostenlos
Kontakt:
Kunst in der Kirche
030 6273069-210

Wahrheiten – über die Schrift an der Wand

Noch bis 29. September sind die Bilder von Lars Breuer in St. Christophorus zu sehen. Evelyn Christel hat mit dem Künstler vor der Eröffnung der Ausstellung gesprochen, während eine Farbschicht trocknete…

Herr, Breuer, mit welchen Farben arbeiten Sie?

Unterschiedlich. Zum einen mit Wandfarbe, da ich hier auf einer Wand arbeite, deren Untergrund schon mit Wandfarbe gestrichen war. Das Material greife ich auf, nutze die Mattheit der Wandfarbe und ändere sie in Schwarz. Ich werde in den nächsten Tagen noch Lack auf die angelegte Form auftragen, in vielen verschiedenen Schichten. Eine weiße Untermalung, dann eine farbige, dann eigene Mischungen, die ich zum Teil mit eigenen Pigmenten anlege, und dann wird es noch eine silbrige Schicht und eine Art Abschlussfirnis geben. Ich habe noch einiges vor mir.  Eine Woche wird es dauern.

Ist das ihr bevorzugtes Material?

Nicht nur. Ich mache auch kleine Aquarelle oder kleine Tuscharbeiten. Oder ich male mit Öl auf Leinwand, ganz altmeisterlich und figurativ. Ich arbeite mit Metall in das ich Schrift oder Abbildungen von hinten hineintreibe und das ich dann verchromen oder vergolden lasse. Meine Arbeit ist weit gefächert. Oft ist es so, dass ein bestimmter Raum oder eine Idee das Material und eine Technik vorgeben. Ich greife auf, was ich im Raum vorfinde.

Und jetzt arbeiten Sie in einem sakralen Raum.

Ja, und ich habe den Anspruch, darauf zu reagieren, Kontraste zu schaffen zu dem Umfeld oder Bedeutungen zu erzeugen, die in einem sakralen Raum anders gelesen werden, als in einem profanen Raum.

Ganz konkret: Was legen Sie für eine Spur?

Ich benutze das Wort Wahrheit, was ich zweimal an die Wand schreibe, male, an der Wand entwerfe. Es zieht sich im linken und rechten Seitenschiff über die ganze Fläche. Das Wort hat natürlich im religiösen Zusammenhang einen ganz anderen Klang, als wenn man es im philosophischen Zusammenhang liest oder etwa in einem Gerichtsgebäude. Damit arbeite ich hier auch, wobei ich das Wort hier so anlege, dass es erstens zerstückelt ist. Das ist eine Vorgabe, die die Architektur selbst macht, da die Schrift sich jetzt über die drei Joche zieht und von einem Pfeiler unterbrochen wird. Zweitens spiegele ich die Worte so, dass sie einmal horizontal und einmal vertikal gespiegelt erscheinen. Dadurch wirkt das Gemälde zunächst abstrakt. Zuerst sind Farben und Flächen zu sehen. Erst mit einem gewissen Abstand, erst durch die Bewegung im Raum selbst, kann ich das Wort entschlüsseln, lesen und interpretieren. Ich mag Wörter, die changieren und in verschiedenen Kontexten ganz anders gelesen werden.

Sie stehen damit zwischen Schrift und Bild. Ist dabei auch Poesie enthalten, eine dichterische Auseinandersetzung oder eine philosophische. Wo sehen Sie sich da?

Ich habe sogar Philosophie studiert. Aber es geht mir um Malerei, Farben auf der Fläche. Der Inhalt, den ich mit Worten transportieren kann oder mit einer Abbildung oder Abstraktion, dieser Inhalt, den nutze ich als zusätzliches Element neben Farbe und Form, als dritte Ebene. Ich verwende eine selbstentworfene Schrift, die ich vor Ort auf der Wand rekonstruieren kann, weil ich auf Rundungen verzichte. Insofern gibt es verschiedene Ebenen durch den eigenen Entwurf der Typographie und einem inhaltlichen Ansatz. Einem Dichter wäre es vielleicht egal, in welcher Typografie sein Gedicht geschrieben ist.

Nein!, sage ich, als Schreibende.

Vielleicht haben Sie Recht. Aber ist es immer noch der gleiche Autor, auch wenn sein Gedicht von Arial auf Times umgesetzt wird. Bei einem Roman ist die Typografie oft noch weniger wichtig. Ist es für die Bibel wichtig? Sie ist ja meistens in Serifenschriften gedruckt. Aber man würde trotzdem von einer Bibel sprechen, wenn sie in Helvetica gesetzt wäre.

Wobei es ganz wundervolle Bibeln gibt, Evangeliare, die mit der Hand geschrieben wurden. Da atmet das Buch eine andere Atmosphäre.

Das stimmt natürlich, aber dann tritt man wieder eher in den Gestaltungsbereich.

Schrift in der Kirche –  Was bedeutet Ihnen die Heilige Schrift?

Das weiß ich nicht so genau. Als ich einem Freund erzählte, was ich hier in Berlin in St. Christophorus mache, sagte er „Ah, du willst das Wort Wahrheit an die Wand schreiben. Das passt sehr gut. Bei mir in der Kirche stand nämlich: Ich bin das Licht, ich bin die Wahrheit im Altarbereich.“ An dieses Gespräch musste ich öfters denken, als ich das Wort hinschrieb. Ich habe mich umgesehen und festgestellt, dass es hier in St. Christophorus nirgends steht und irgendwie fand ich es interessant, dass gerade ich es jetzt hier hinschreibe. Wobei ich es ja zweimal und zusätzlich spiegelverkehrt schreibe. Die Ausstellung heißt ja auch Wahrheiten und es handelt sich ja eine Gegenüberstellung von zwei Wahrheiten. Wobei eine Schrift rötlich und die andere bläulich gefasst ist. So dass ich eine Art Gegensatz oder Opposition oder vielleicht auch einen Gleichklang herstelle.

Die zweiteilige Installation lässt also als Bedeutungsraum offen, ob es vielleicht doch nur eine Wahrheit gibt. Sie sind nicht so unterschiedlich, diese Wahrheiten?

Ja, es gibt wahrscheinlich viele Thesen Interpretationen und das ist schon eine sehr abstrakte, würde ich sagen. Es stehen sich zwei Wahrheiten gegenüber wobei das Wort grammatikalisch nicht in der Mehrzahl existiert.

Was wären für Sie ‚Plakative Wahrheiten‘?

Ich weiß nicht, ob es plakative Wahrheiten gibt, das ist an sich schon eine Behauptung. Ich kann plakative Aussagen machen, aber ich weiß nicht, ob man plakative Wahrheiten von sich geben kann. Toll wär es vielleicht.  Sobald ich etwas behaupte, kommt aber ein Gegenüber und zeigt mir einen anderen Blickwinkel. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern so viele Nuancen und Zwischentöne wie es Menschen gibt. Insofern gibt es keine plakative Wahrheit. Wobei das Wort selbst, plakativ an die Wand geschrieben, ist natürlich eine plakative Wahrheit. Weil die Typographie sehr plakativ ist und ich das Wort schlagworthaft, fast werbemäßig einsetze, ist die Frage berechtigt. Werbesprache funktioniert plakativ. Sie setzt ein Wort prägnant, geradezu schreiend, auf ein Plakat, ein Buchcover, eine Wand. In meiner Arbeit erscheint es jedoch auch gebrochen durch die Abstraktion.

 

Lars Breuer: Wahrheiten – Malerei

Vernissage: 14.07.2017, 19.30 Uhr
Ausstellungsdauer: 15.07. bis 29.09.2017
Öffnungszeiten Juli und August: nach Vereinbarung
Öffnungszeiten im September: Do 16-19, Fr 19-22, Sa 16-18, So 11-17 Uhr

Lars Breuer (1974, Aachen) beschäftigt sich in seiner konzeptuellen und ortsspezifischen Malerei mit den Verhältnissen von Farbe, Raum und Fläche. Mit seiner selbstentworfenen Typografie schafft der Kölner Künstler großflächige Wandgemälde, die auf einen konkreten Ort reagieren und einen Dialog zwischen dessen Architektur und Geschichte ermöglichen. Seine Wandmalerei wirkt sowohl streng und minimalistisch als auch ornamental und raumfüllend. Er bezieht sich in seiner Arbeit oft auf die Literatur, die in seinen Bildern als
Textfragmente oder Schlagwörter erscheint. Die Lesbarkeit des Motivs/der Schrift bieten dadurch mehrere Assoziationsebenen.
Für die Kirche St. Christophorus hat Lars Breuer seine Wandmalerei mit den Begriffen Wahrheiten konzipiert. Lars Breuer malt direkt auf die Wände der Seitenschiffe; die großformatige Wandmalerei zeigt auf einem schwarzen Hintergrund, zunächst scharfkantig voneinander getrennt, Farbflächen, die zusätzlich durch die Wandvorsprünge der Kirche geteilt werden. Von weitem sieht man horizontale gespiegelte Buchstaben, die sich beim genaueren Betrachten in das Wort Wahrheiten zusammenfügen. Die Gemälde verbinden dadurch einerseits die zwei gegenüberliegenden Seiten des Kirchenraums, andererseits erzeugen sie einen farblichen Kontrast. Lars Bauer spielt mit seiner strengen und konzeptuellen Malerei sowohl mit der Architektur des Ortes wie auch mit der Bedeutung des Wortes und lädt zur Reflexion und Betrachtung ein.

Lars Breuer studierte Kunstgeschichte, Philosophie an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf und Freie Kunst / Malerei in Münster (Kunstakademie Münster) und Düsseldorf (Kunstakademie Düsseldorf). Von 2004 bis 2010 war er Mitbetreiber des Ausstellungsraums KONSORTIUM in Düsseldorf. Lars Breuer hat mehrere Stipendien und Auszeichnungen bekommen: international artist and curator’s program, New York (2016), Wschodnia Residency, Łódź (2016), Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, Reisestipendium (2015), Nordic Artist Center Dale, Aufenthaltsstipendium (2013), Künstlerdorf Schöppingen, Aufenthaltsstipendium (2011), Istanbul-Stipendium der Stadt Köln, Aufenthaltsstipendium ( 2010) u.a.
Lars Breuer war unter anderem in Einzelausstellungen im Ludwig Forum Aachen, im Kunstverein Paderborn, im Audi Kunstraum Ingolstadt, in der Temporary Gallery Cologne und in Galerien in München und Kopenhagen präsent. In Gruppenausstellungen waren seine Arbeiten u.a. zu sehen im Justin Art House Museum, Melbourne; im Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt; The House of Arts, České Budějovice, auf der Kaunas Biennale; in der Room East Gallery, New York sowie dem Museum Morsbroich, Leverkusen und im ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie | Museum für neue Kunst, Karlsruhe.
Arbeiten in öffentlichen Sammlungen: Sammlung Wilhelm Schürmann, Aachen, Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Tiefgarage der Kunsthalle Düsseldorf, Museum Folkwang, Essen, Audi AG, Ingolstadt, Sammlung des Landes Nordrhein Westfalen, Kunsthaus NRW, Kornelimünster, Justin Art House Museum, Melbourne, Stadtmuseum. Lars Breuer lebt und arbeitet in Köln.

Vernissage